Pferdehaltung am Kryxenberghof

Das Haltungskonzept

Sieben Jahrhunderte angewandtes Wissen — von Hildegard von Bingen bis zur heutigen Verhaltensforschung. Eine Form der Hengst‑ und Stutenhaltung, die in der modernen Welt selten geworden ist und in den Schriften des Hochmittelalters detailliert beschrieben war.

Am Kryxenberghof leben Hengste in Gruppen. Stuten und Hengste teilen sich Weiden mit Wallachen — kastrierten Hengsten, die als ruhende Mediatoren der Herde wirken und Spannungen ausgleichen. Pferde, die krank werden, behandelt man hier nach den Lehren Hildegards von Bingen: mit Pflanzen, mit Geduld, mit dem Wissen, dass ein Pferd Teil einer Herde ist und nicht ein Einzelkörper. Und dennoch bleibt jedes Tier — auch jeder Hengst — für den Menschen handelbar.

Diese Form der Haltung ist heute weltweit selten geworden. Sie ist aber nicht neu. In den großen Pferdebüchern des Hochmittelalters — bei Jordanus Rufus, bei Hildegard von Bingen, in den Marstallschriften des 14. und 15. Jahrhunderts — ist sie ausführlich beschrieben. Was die moderne Verhaltensforschung seit den 1990er Jahren wiederentdeckt, war im 13. Jahrhundert gängige Praxis.

Der Kryxenberghof bewahrt diese Tradition — nicht aus Romantik, sondern weil sie funktioniert.

I
Sozialisierung statt Isolation

Hengste leben in Gruppen.

Die konventionelle Hengsthaltung ist Einzelhaltung in der Box. Sie ist üblich — und sie entspricht weder dem Sozialverhalten noch den Bedürfnissen der Tiere. In freier Wildbahn leben Hengste in Junggesellengruppen, bevor sie eine eigene Herde übernehmen. Sie rangeln, ruhen, spielen, ordnen sich — ohne fortgesetzte Aggression.

Am Kryxenberghof leben die Hengste gemeinsam auf großen Weideflächen. Was hier sichtbar wird, ist das, was die Verhaltensforschung seit zwei Jahrzehnten dokumentiert: gut zusammengestellte Hengstgruppen zeigen mehr Ritualverhalten als Aggression. Bereits nach drei bis fünf Tagen sinkt die Häufigkeit aggressiver Interaktionen messbar; die Tiere finden eine stabile soziale Ordnung.

Ein in der Gruppe lebender Hengst ist deutlich leichter zu führen, zu behandeln, anzuhalftern — weil er in seiner Welt zufrieden ist.

Was hier außerdem sichtbar wird: ein Hengst, der täglich seine soziale Welt regelt, kommt souverän auf den Menschen zu. Er ist nicht der nervöse, isolierte Boxenbewohner, der jede Begegnung als Krise empfindet — er ist ein ruhiges, gefestigtes Tier.

II
Die ungetrennte Herde

Stuten, Hengste und Wallache — gemeinsam, und dennoch handelbar.

Stuten und Hengste werden in modernen Zuchtbetrieben fast immer getrennt gehalten — aus Sorge vor unkontrollierter Fortpflanzung, vor Verletzungen, vor Stress. Am Kryxenberghof teilen sie eine Herde. Wallache — kastrierte Hengste — wirken dabei als ruhende Pole und soziale Mediatoren, oft als Lehrmeister jüngerer Tiere. Sie kennen das Hengstverhalten von innen, ohne dessen hormonellen Antrieb; sie können Spannungen entschärfen, bevor sie zur Aggression werden.

Die Gruppe regelt sich weitgehend selbst. Das setzt voraus, dass alle Tiere — auch die Hengste — vom Menschen ansprechbar bleiben. Genau das ist die Schlüsselleistung dieses Konzepts: tägliche Arbeit mit jedem einzelnen Pferd, Vertrauen statt Zwang, klarer und ruhiger Umgang in der Gruppe. Das Pferd lernt früh, dass der Mensch nicht der Feind der Herde ist, sondern Teil ihrer Ordnung.

Die Folge: Stuten, Hengste und Wallache, die einzeln aus der Gruppe geholt, gepflegt, geritten oder behandelt werden können — und friedlich wieder zurückkehren. Eine Haltungsweise, die in dieser Konsequenz weltweit kaum noch gelebt wird.

III
Naturheilkunde nach Hildegard von Bingen

Heilen, nicht nur unterdrücken.

Wenn ein Pferd krank wird, wird es zunächst nicht isoliert. Es bleibt — soweit möglich — in der Herde. Die Behandlung folgt einem alten Prinzip, das Hildegard von Bingen (1098–1179), Äbtissin am Rupertsberg bei Bingen, in ihrer Schrift Physica ausgearbeitet hat: heilen heißt, ein gestörtes Gleichgewicht wiederherstellen.

Hildegard verband das überlieferte griechisch‑lateinische Wissen mit der mitteleuropäischen Volksmedizin und hinterließ nahezu zweitausend Rezepte. Ihre Lehren betonen Ganzheit: Körper, Geist und Umgebung sind eine Einheit; Krankheit entsteht, wenn diese Einheit gestört ist.

Am Kryxenberghof wird diese Tradition auf das Pferd übertragen. Pflanzliche Mittel — Beifuß, Mariendistel, Brennessel, Mädesüß, Kamille, Weidenrinde — werden gezielt eingesetzt; die Haltung selbst (Bewegung, Sozialkontakt, Sonnenlicht, ruhige Stuten in der Nähe) wird Teil der Heilung. Schulmedizin wird genutzt, wo sie nötig ist. Aber die erste Frage lautet immer: was fehlt diesem Pferd in seiner Umgebung?

Altes Wissen — heutige Technik.

Was Hildegard mit Heilpflanzen, Bewegung und Sozialkontakt beschrieb, lässt sich heute mit modernster veterinärmedizinischer Ausstattung gezielt unterstützen. Am Kryxenberghof werden eingesetzt:

Die Grundsätze sind dieselben geblieben — die Mittel haben sich verfeinert. Hochleistungspferde brauchen Hochleistungs-Diagnostik; das Prinzip „heilen, nicht unterdrücken" gilt auch dann.

Vorsicht beim Besuch: Hengste verteidigen ihr Revier. Annäherung an die Tiere ausschließlich in Begleitung des Hofbetreibers.
Der erste Schritt jeder Heilung ist nicht die Pille — es ist das Verstehen.
Hengstgruppe auf der Weide am Kryxenberghof

Hengstgruppe am Kryxenberghof, Kraichgau

IV
Was im 13. Jahrhundert bereits gewusst war

Fünf Quellen aus sieben Jahrhunderten.

Die Vorstellung, dass moderne, wissenschaftliche Pferdehaltung etwas grundsätzlich Neues sei, ist irreführend. Sie ist die Wiederentdeckung dessen, was im Hochmittelalter bereits Stand der Kunst war. Fünf Quellen, die das belegen:

um 1170
Hildegard von Bingen — Physica

Die früheste deutsche Quelle, die ganzheitliche Therapieprinzipien — Ernährung, Ruhe, Bewegung, Heilpflanzen — systematisch zusammenfasst. Pflanzenkunde, Tierheilkunde, Steinkunde nebeneinander. Im Kern: Tier und Mensch teilen dieselbe Natur und dieselben Heilprinzipien.

um 1250
Jordanus Rufus — De medicina equorum

Der Ritter und Marschall Kaiser Friedrichs II. verfasste das erste umfassende Lehrbuch der mittelalterlichen Pferdeheilkunde im lateinischen Westen. Es beschreibt Aufzucht, Ausbildung, Behandlung und Verhalten der Pferde — und wurde über zwei Jahrhunderte in Latein, Französisch, Italienisch, Katalanisch und Deutsch kopiert. Die Grundlage aller späteren europäischen Hippiatrie.

1573
Gründung von Marbach

Marbach, durch Herzog Christoph von Württemberg gegründet, gilt als ältestes deutsches Staatsgestüt. Sein Konzept verstand Pferdezucht als kulturelle und militärische Lebensgrundlage — und entwickelte über Generationen jenes detaillierte Wissen über Sozialverhalten, Linienzucht und Aufzucht, das heute wieder als „modern" gilt.

1655
Klostermarstall Einsiedeln — erstes Zuchtbuch Europas

Das Kloster Einsiedeln (1064 erstmals als Marstall mit Königsrecht ausgestattet) begann 1655 das erste systematische Zuchtbuch Europas. Klösterliche und fürstliche Marställe waren die Hüter eines hochsystematischen, schriftlich dokumentierten Wissens über Haltung, Heilung und Verhalten der Pferde.

1762
Johann Baptist von Sind — Der geschwind heilende Pferdearzt

Stallmeister im 18. Jahrhundert, dessen Hauptwerk Der im Feld und auf der Reise geschwind heilende Pferdearzt (1762) das praktische Wissen der Stallmeister systematisch zusammenfasste — drei Jahre bevor in Wien die erste akademische Veterinärschule eröffnet wurde (1765, Hannover folgte 1778). Von Sinds Werk gilt als Wegbereiter der wissenschaftlichen Pferdemedizin.

V
Moderne Wissenschaft bestätigt

Was die Forschung seit zwanzig Jahren neu entdeckt.

Was am Kryxenberghof selbstverständlich gelebt wird, hat in den letzten Jahrzehnten zunehmende wissenschaftliche Bestätigung gefunden. Drei Belege:

Drei Jahrzehnte moderne Forschung — und das Ergebnis steht in einem Buch aus dem dreizehnten Jahrhundert.
VI
Das Kryxenberg‑Archiv

Über fünfhundert Jahre Pferdebücher.

Im Kryxenberghof werden Originale und Nachdrücke der wichtigsten Werke europäischer Pferdetradition aufbewahrt: hippiatrische Schriften aus dem späten Mittelalter, Marstallbücher des Barock, Veterinärwerke der Aufklärung, deutsche Pferdebücher des 19. Jahrhunderts. Sie sind die Grundlage der täglichen Arbeit auf dem Hof.

Darunter befindet sich eines der wenigen erhaltenen Originalexemplare von Johann Baptist von Sinds Der im Feld und auf der Reise geschwind heilende Pferdearzt — neben den Bestandsexemplaren weniger Universitätsbibliotheken eines der seltenen erhaltenen Stücke aus der Zeit, in der die wissenschaftliche Pferdemedizin im deutschsprachigen Raum begründet wurde.

Ein Tier zu verstehen, beginnt damit, dass jemand vor uns es schon einmal verstanden hat. Die Bücher im Kryxenberg‑Archiv sind genau das: vorhandenes Verständnis. Wir lesen sie nicht aus historischem Interesse, sondern als Lehrer.

Wir bewahren nicht eine Sammlung. Wir bewahren ein Gespräch, das seit sieben Jahrhunderten geführt wird.

Ernsthaft Interessierte — Wissenschaftler, Tierärzte, Züchter, Pferdehalter — können nach Vereinbarung Einsicht in das Archiv nehmen.

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